Veganer Honig?

Es ist tiefster Winter, Bienen und Imker haben sich in ihre Behausungen zurückgezogen und es bleibt Zeit zum Philosophieren. Passend dazu möchte ich heute ein paar Gedanken zu der Frage schreiben, ob Honig als veganes Lebensmittel gelten kann, was, aus meiner Sicht, gar nicht so leicht zu beantworten ist.Die erste Frage wäre, ob es sich bei Honig um ein Tierprodukt handelt, was ihn per Definition zu einem nichtveganenen Lebensmittel machen würde. Honig besteht zum größten Teil aus Blütennektar, also einem Pflanzenprodukt. Da die Bienen diesem zum Konservieren aber körpereigene Enzyme zusetzen, ist Honig wohl streng gesehen doch ein Tierprodukt und damit nicht vegan.

Die meisten Menschen, die sich vegan ernähren, tun dies aber nicht aus reinen Definitionsgründen, sondern um den tierischen Mitgeschöpfen Leid zu ersparen. Womit sich die nächste Frage stellt, nämlich ob Honigbienen ein Leid zugefügt wird, wenn man ihnen ihren Honig klaut. Vordergründig gesehen vermutlich schon, denn sie sammeln den Honig ja nicht für uns, sondern um gemeinsam als Volk blütenarme Zeiten, wie den Winter oder Trockenzeiten, überstehen zu können.

Andererseits gibt ihnen ihr Bioprogramm vor, jede Tracht, also jedes Angebot an Blüten bis auf den letzten Tropfen auszunutzen. Das liegt an ihrem Urpsrung als Wild- und Waldtier. Nektar ist selbst in einem naturnahen Wald relativ selten zu finden, insbesondere in solchen Mengen, dass ein Volk damit ein ganzes Jahr überleben kann. Wenn es in der ursprünglichen Natur doch einmal zu einer echten Massentracht kam (z. B. in Form von Honigtau), nutzten die Bienen dieses seltenes Ereignis deshalb mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln aus.

Nun ist die heutige Landschaft aber eine ganz andere als die des früheren Wald-Planeten, an den die Bienen evolutionär angepasst sind. Die meisten Flächen sind von Kulturlandschaften bestimmt, mit mehreren, sich jährlich wiederholenden Massentrachten, im Gegensatz zur ursprünglichen Dauer-Läppertracht. Diese Massentrachten passen nun aber nicht so recht ins Bioprogramm der Bienen, so dass diese jede davon ausnutzen, als ob es die letzte wäre, was wiederum dazu führt, dass die Bienen weit mehr Honig sammeln, als sie für die Überwinterung brauchen. Das hat sich der Mensch schon frühzeitig zunutze gemacht, denn mit dem Fortschreiten der Flächennutzung durch den Menschen nahmen auch die Massentrachten immer mehr zu und umso lohnender wurde die Bienenhaltung. Symbol dafür sind die früheren tiefblauen Kornblumenfelder, eine von Menschen, im Zuge des Getreideanbaus, unfreiwillig geschaffene Massentracht über viele Wochen hinweg.

Die Bienen sammeln also aufgrund menschengemachter Landschaftsänderungen mehr Honig, als sie selbst benötigen. Ist es also unmoralisch, den Bienen diesen Honig zu stehlen? Oberflächlich betrachtet vermutlich schon, es kommt aber noch ein Effekt hinzu, aufgrund dessen das Ernten des überschüssigen Honigs für die Bienen sogar von Vorteil ist. Eine zu gewaltige Honigkappe über der Bienentraube wirkt imWinter nämlich wie ein Kühlakku, denn die Bienen schaffen es nicht, den gesamten Honig warm zu halten. Der gefrorene Honigeisblock über ihren Köpfen wirkt dadurch, als hätte man im rauen Winter seine Mütze vergessen und verlangt den Bienen dadurch einen Mehraufwand an Heizleistung ab. Und wie jeder gute Warréaner weiß, ist Wärmeerhalt das Nonplusultra für gesunde und glückliche Bienen. Er wird also ruhigen Gewissens die überzählige, honiggefüllte, oberste Zarge entnehmen  – von den Bienen nahezu unbemerkt, mittels Bienenflucht –, wohl wissend, dass er den Bienen damit sogar noch einen Gefallen tut.

Nun ernten die meisten Imker aber nicht nur den überschüssigen Honig, sondern auch zusätzlich die notwendigen Vorräte des Volkes, um diese dann durch – in meinen Augen – minderwertigeren Zucker  zu ersetzen.

Es gibt also zwei Arten von Honig: 1. Honig, der aus einem unnatürlichen Sammelüberschuss besteht und den Bienen eher schaden würde, und 2. Honig, der den Bienen schlichtweg geraubt und durch ein weniger wertvolles (Über-)Lebensmittel ersetzt wird. Ersteren Honig würde ich, trotz aller Definitionsfragen, als veganen Honig im Sinne des Peace Food bezeichnen.

Eine solche Überschussimkerei ist mit allen Beuten ohne Honigraum möglich, also Warré, Top-Bar-Hive, Klotzbeute u. ä.. Alle anderen Beutenformen, einschließlich der Bienenkiste, führen leicht dazu, dass den Bienen mehr genommen wird, als sie an reinem Überschuss produzieren. Solcherart gewonnener Honig ist aus meiner Sicht nicht mit einer veganen Lebensweise vereinbar.

Um „veganen“ Peace-Honig zu ernten, sollte sich der Imker, meiner Meinung nach, darüber hinaus aber noch einige weitere freiwillige Selbstbeschränkungen auferlegen, wie den Verzicht auf Massenaufstellung (maximal 2 Völker  pro Standort); kein Aufstellung der Völker in Schutzgebieten (Nahrungskonkurrenz zu anderen blütenbesuchenden Insekten); Störungen des Volkes auf das absolute Minimum beschränken, Verzicht auf Varroabehandlung und die Beachtung der Unantastbarkeit des Brutnestes. In diesem Sinne ist mein Honig leider noch kein „Peace-Honig“, da ich mit 10 Völkern pro Standort weit über meinen eigenen Anforderungen liege.

Honig als Lebensmittel ganz abzulehnen, halte ich für den falschen Weg, denn jedes Bienenvolk trägt zur notwendigen Bestäubung von Wild- und Nutzpflanzen bei.

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